Richard Pfund
Wenn ich mich zur Zeit mit meinen Freunden und Bekannten unterhalte, die kein Handicap haben, dann kommen wir häufig auf ein Thema. „Ich suche mir gerade ein eigenes Heim“ oder “ Endlich habe ich eine Wohnung und kann raus bei meinen Eltern!“, sagen sie dann und strahlen mir ins Gesicht. Ja, bei den Eltern ausziehen und in ein eigenes Heim einzuziehen, stelle ich mir toll vor. Man ist nicht mehr an die Regeln der Eltern gebunden, kann sein eigenes Leben und sogar eine eigene Familie aufbauen. Einfach gesagt: Man kann Erwachsen werden! Wenn ich dann in die Gesichter meiner Freunde schaue, dann merke ich, das ich genau diesen Wunsch auch habe. Nur ist Ausziehen für mich und Andere in meiner Situation nicht so einfach. Durch meine Spastik bin ich sehr eingeschränkt und benötige deshalb 24 Stunden Hilfe. Im Moment machen dies noch meine Eltern und ab und zu kommt ein Pflegedienst und duscht mich. Aber wir alle wissen, dass das Leben auf der Erde nicht von Dauer ist und meine Eltern nicht ewig für mich da sein können. Ich beschäftige mich schon lange mit diesem Thema und habe mich auch schon mit vielen Gleichgesinnten unterhalten, die vor dem gleichen Problem stehen oder gestanden sind. Das erste Stichwort, welches dann gefallen ist: im Heim zu leben. Aber dies kommt für mich nicht in Frage. Denn dort ist ein selbstbestimmtes Leben, wie es in einer eigenen Wohnung der Fall wäre, nicht möglich. Das habe ich gemerkt, als ich zwei Jahre lang im Internat gelebt habe. Ich möchte auf keinen Fall sagen, dass diese Zeit schlecht war. Ganz im Gegenteil. Sie hat Spaß gemacht und hat mir geholfen, ein Stück Erwachsen zu werden. Trotzdem musste ich feststellen, dass ich so nicht leben wollte. Denn das Internat hatte bestimme Regeln und Gegebenheiten, die nicht meinen Vorstellungen von einem selbstbestimmten Leben entsprochen haben. Zum Beispiel musste ich zu einer bestimmten Uhrzeit ins Bett, weil die Betreuer nach Hause wollten. Oder ich musste absprechen, wann ich dusche, auf die Toilette gehen kann usw. Also habe ich weiter nach anderen Möglichkeiten gesucht und habe noch in der Zeit, als ich im Internat gewesen bin eine weitere Möglichkeit gefunden. Meine damalige Lehrerin nahm mich und eine Klassenkameradin eines Nachmittags mit zu einem Ausflug und stellte uns eine junge Dame vor, die mit einer Persönlichen Assistenz in ihrer eigenen Wohnung wohnte. Die Assistenz unterstützte die schwerstkörperbehinderte Frau bei ihren Alltagsaufgaben und bei der Pflege. Sie hatte mehrere Assistenten, die sich zwei Schichten über den Tag teilten, die auch über die Nacht gingen. Je mehr ich von dieser Lebensform erfuhr, desto mehr war ich davon überzeugt, dass ich so leben wollte. In den nächsten Wochen sollten wir uns in der Klasse intensiv mit dem Thema der Persönlichen Assistenz auseinandersetzen. Dort lernte ich viel über das Persönliche Budget, was man brauchte, um sich Persönliche Assistenten einzustellen. Ich merkte schnell , was das für einen bürokratischen Aufwand bedeutete, an ein solches Budget zu kommen und hatte bedenken, ob ich den Behördenmarathon einmal schaffen würde. Aber die junge Dame alleine in ihrer Wohnung hatte mich nicht losgelassen und so besuchte ich eines Sommers ein Seminar für Arbeitgeber in Eisenach. In der Schule hatte ich gelernt, dass die Menschen, die ein Persönliches Budget beziehen, ein Arbeitsverhältnis mit ihren Assistenten eingehen. Sie werden also zum Arbeitgeber mit allen Rechten und Plichten. Ich fragte mich schon in der Schule, ob ich dem gewachsen sein würde und auch bei dem Seminar kam der Gedanke ab und zu wieder zurück. Was jedoch über wiegte waren die vielen netten Menschen, die teilweise schon mit einer Persönlichen Assistenz lebten und von ihren Erfahrungen berichteten. Die vielen verschiedenen Geschichten zeigten mir, dass jeder mal am Anfang vor dem riesigen Bürokratieberg, den ein Persönliches Budget mit sich bringt, gestanden ist und es trotzdem geschafft hatte, sich ein eigenes Leben in einer eigenen Wohnung aufzubauen. Aber ich erfuhr auch viel über die Probleme, die im Laufe der Zeit auf einen zukommen können wie zum Beispiel bei der Assistenzsuche. Denn es gibt noch zu wenige hilfsbereite Menschen, die sich als Persönliche Assistenz engagieren. So haben es viele Bezieher schwer, geeignete Leute zu finden, die sie unterstützen. Manchmal ist auch das Verhältnis zwischen den Betroffenen und den Helfern nicht gut, sodass ein Arbeitsverhältnis nicht möglich ist. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass jeder den Aufgaben eines Arbeitgeber gewachsen ist. Diese Gedanken beschäftigen mich häufig. Aber ich habe letztes Jahr einen Mann kennengelernt, der vielleicht eine Lösung für die Probleme gefunden hat. Der Verein „Free a like Bird“ möchte nach dem Vorbild „Persönliche Assistenz GmbH“ in Österreich (Linz) eine Assistenzvermittlung in Karlsruhe aufbauen. Der Verein soll die Arbeitgeberrolle für den Assistenznehmer einnehmen und die Assistenzsuche erleichtern. Dabei ist es wichtig, dass die Tätigkeit der Persönlichen Assistenz als Beruf anerkannt wird. Hierbei möchte der Verein Ausbildungsmöglichkeiten schaffen, um eine Wissensgrundlage für die Assistenten zu schaffen. Ich denke, das ist der richtige Weg um für die Assistenznehmer ein selbstständiges Leben zu ermöglichen. Dabei brauch der Verein aber noch Unterstützung! Wenn ihr mit helfen möchtet besucht uns bitte im Internet unter www.freelikeabird.de, wir zählen auf euch.