Erlebnisbericht mit Persönlicher Assistenz

Persönliche Assistenten erfüllen spontan ganz andere Aufgaben

Einem Menschen mit Behinderung wird oftmals beigebracht, den Tag nach einer fremd bestimmtem Tagesregelung zu befolgen. Sämtliches muß eingeteilt und über mehrere Tage zuvor, fast pingelig organisiert werden. Doch er möchte eigenständig und selbstverantwortlich Entscheidungen über seine Angelegenheiten treffen. Ich rede hier aus eigener Erfahrung. Inzwischen lebe ich in einer eigenen kleinen  Mietswohnung in Karlsruhe. 12 Stunden am Tag habe ich eine Persönliche Assistenzbegleitung die mich dabei unterstützt, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Ich habe eine schwere spastische-athetotische Körperbehinderung. Ich kann nicht laufen, nicht selbständig auf die
Toilette gehen, kann kein Essen kochen, bekomme die Mahlzeiten gereicht, beim An u. Ausziehen benötige ich auch fremde Hilfe usw. Ich habe also Pflegestufe 3.

Trotzdem kann ich mein Leben selbst bestimmen und klar entscheiden, was für mich gut ist und was nicht. Mein Selbstbewusstsein habe ich durch meine Familie, Freunde und seit meinem Auszug von Zuhause, auch durch meine Persönliche Assistenz entwickelt. Diesen Text habe ich vollständig mit dem Mund eingetippt. Mein Zahnarzt fertigte mir dazu extra fürs Schreiben eine Spange mit gebogenem Stab an, der bis an die Tastatur des Computers reicht. Damit tippte ich auch in 7 Jahren, das Buch Warum kannst du nicht fliegen?, das ich vor einigen Jahren veröffentlichen konnte.

Vor allem konnte ich durch „früher noch Zivis“ jede Menge Spontaneität und Unternehmungsfreude entwickeln. Einfach mal frei nach Lust und Laune zu leben. Einige Beispiele möchte ich anführen: Ich hatte eines Abends Lust auf ein warmes Vollbad. Diesen Beschluss hätte ich jedoch fast schwer bereut, weil mich ein unerwarteter Anruf aus dem Trott der Gewohnheit riss. Karin aus meinem Freundeskreis; erinnerte mich eindringlich an ihren heutigen Geburtstag. Puh, den hatte ich peinlicherweise ganz vergessen! Ich versuchte ihr zu erklären, daß ich gerade aus der Badewanne gekommen bin und splitternackt mit nassen Haaren dasaß. Daraufhin fiel mir Karin energisch ins Wort und meinte: Na und? Anziehen und bitte kommen! Da sah ich wohl etwas verlegen Marco, meinen damaligen Zivi an. Etwas verunsichert fragte ich ihn: “Könnten wir vielleicht?“ Daraufhin zwinkerte mich Marco schelmisch an, und antwortete: „Na klar, das ist doch kein Problem, dich habe ich ganz fix angezogen. Mein Auto steht direkt vor deinem Haus.“ Karin erklärte Marco noch wie er fahren mußte, und der Abend verlief ganz anders als geplant. Dieses Erlebnis wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Von der Badewanne heraus, bin ich noch nie zu einem Geburtstag gegangen. Für Marco war das überhaupt nichts Besonderes; Er mache so fixe Sachen öfters. Besonders, wenn junge Frauen im Spiel sind, erzählte er mir lächelnd, während er mir die Hose anzog. Es wurde ein gelungener Abend. Oftmals sind spontane Unternehmungen viel schöner als lange geplante Sachen. So sind halt
junge Zivis drauf, meistens noch richtig unbeschwert und voller einfallsreicher Gedanken.

Ein anderer Zivi, der Klaus, verspürte einmal richtige Lust mit meinem alten elektrischen Rollstuhl zu fahren. So fuhren wir beide vergnüglich, – ich mit meinem neuen E-Stuhl – nebenher, in den ca. 4 km. entfernten Kolossa- Einkaufsmarkt. Dort mußte ich meinen Wocheneinkauf  erledigen. Das war ein Spaß, bis Klaus seine richtige Fahrpraxis heraus hatte. Erleichtert betätigte er meine Kinnsteuerung mit der Hand und eine spannende Fahrt begann. Selbst im „Kolossa“, blieb Klaus im E-Stuhl sitzen, und versuchte sein Bestes, um keine Regale zum Einstürzen zu bringen. Eine Käseverkäuferin gab uns ein Häppchen Käse zum Probieren. Dabei wurden wir als Brüder angesehen und bedauert. Selbst als wir an die Kasse fuhren, blieb Klaus im E-Stuhl sitzen und ließ sich von den Leuten helfen. Oh, war das eine herrliche Gaudi!

Nikolai, ein weiterer Zivi, führte mich durch vorausgehende Gespräche, an meine verdrängte Sexualität heran. Mit ihm zusammen als  Begleitung wagte ich mich erstmals, – damals war ich 39 Jahre alt – einmal zu einer Prostituierten zu gehen. Diese erste Erfahrung mit meiner Sexualität schloss in meiner Seele ganz viele Türen auf. Auch wurde mir dabei so richtig bewusst, dass ich eigentlich auch einen attraktiven Körper habe. Vor allem war ich wahnsinnig stolz, daß Nikolai mir das als Mann, völlig zugetraut hatte. Bis heute gönne ich mir  gelegentlich diesen Spaß, und bin dadurch seelisch sehr gewachsen. Selbst von meinen Muskeln her, – von den Spasmen – verspüre ich seither eine erhebliche Lockerung.

Ich könnte noch über viele Erlebnisse mit meiner Persönlichen Assistenz erzählen, so z.B. wenn es um das Kochen geht. Aber das würde hier zu weit führen.

Warum ich diesen Beitrag geschrieben habe? Von meinen Ansprüchen, fühle ich mich mit meiner Persönlichen Assistenz nicht, wie einmal befürchtet, nur betreut, sondern echt ernst genommen. Sie merken einfach, daß ich ganz einfach Leben möchte. Deshalb finde ich auch Schulungen zur Bewußtseinsförderung und Reflexion des eigenen Lebens für Persönliche Assistenten, auch so ungemein wichtig. Seit Jahren bin ich Gastlehrer in den Schulungen.